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Mobbing und Konfliktbewältigungim Kontext mit Migrantenjugendlichen
In einem Jugendzentrum eines Stadtteils tritt folgendes Problem auf: Sven, so die Wahrnehmung der Mitarbeiterin, scheint gemobbt zu werden. Sven ist 14 Jahre alt, in Deutschland geboren, seine allein erziehende Mutter stammt aus Chile. Sven ist ein sensibler Junge. Viele von den Mädchen schwärmten für ihn. Seit drei Wochen lachen sie über ihn, machen Späße und einige Jungs provozieren ihn, bis er weinend nach Hause geht. Ahmet, eigentlich sein bester Freund, ist einer, der ihn immer wieder bewusst ärgert. Erst vor kurzem hat er Sven in das Billardzimmer eingesperrt und draußen die Mädchen zusammengerufen. Sven hat vor lauter Verzweiflung die Scheibe eingeschlagen.
Ist das schon Mobbing?Mobbing kommt aus dem Englischen: to mob = herfallen, anpöbeln. Mit diesem Wort wird ein Vorgang beschrieben, in dem sich Menschen zusammenschließen, um über eine Person herzufallen. Dieser Vorgang kann sehr vielfältig verlaufen. Es muss dabei nicht zur offensichtlichen Gewalt kommen. Die betroffene Person kann wie Luft behandelt, kann lächerlich gemacht oder kann ständig bei einem Redebeitrag unterbrochen werden. Ihr können Mützen entwendet werden, das Handy verschwindet und taucht wieder auf…. Es ist eine lange Liste von Schikanen, die im einzelnen keine dramatische Komponente haben, in der Häufung jedoch zu sehr empfindlichen Verletzungen führen.
Sven erlebt diese Häufung und leidet offensichtlich. Jeden Tag ereignen sich für ihn aufs neue Schikanen. Von außen merken es ihm die Mitarbeiter/innen des Jugendzentrums an. Er wirkt bleich und viel verschüchterter als früher. Als er einmal den geliehenen Tischtennisschläger nicht zurückbrachte, sprach Ivonne, eine der Erzieherinnen, ihn an. „Alle sind gegen mich!“ schrie er nur und rannte weg.
In die Wüste schicken Sündenbocksysteme gibt es seit es Menschen gibt. Sie sind klassische Gruppensymptome, die immer wieder auftreten, wenn 1. eine Gruppe instabil wird und nach einer neuen Orientierung sucht. 2. die Machtstruktur einer Gruppe unklar wird, sprich die innere oder äußere Leitung schwach und vor allem unklar ist. 3. Konflikte in Gruppen unter den Teppich gekehrt werden und eine starke Suche nach Lösung/Befreiung beginnt. 4. eine unklare Bedrohung von Außen entsteht, die als Existenz gefährdend für die Gruppe gedeutet wird. Wenn diese vier Faktoren auftreten, sucht die Gruppe nach einer Entlastung. In der Geschichte der Menschen finden wir immer wieder Beispiele dafür. Sei es das Ritual, dass Schafsböcke mit der Sündenlast der Sippe in die Wüste gejagt wurden. Oder aber die Jonasgeschichte in der Bibel, in welcher wir das rituelle Opfer eines Menschen finden, um die Seenot von sich zu wenden. Im Mittelalter wurden Frauen verfolgt, um die Männer-Gruppe vor bösen Geistern zu schützen. Vor nicht mal 60 Jahren wurden Juden, Sinti, Roma oder Homosexuelle in dieser Funktion verfolgt und ermordet. In großen gesellschaftlichen Systemen finden wir dies heute in sehr unterschiedlicher Weise. Als Beispiel seien hier nur die Arbeitslosen, die „Heuschrecken“, die islamischen oder christlichen Fundamentalisten genannt. In Gruppen funktioniert dies ebenso. Jede Gruppe, die in eine dieser benannten Zustände gerät, versucht eine Lösung durch Ausschluss zu finden. Das es keine Lösung oder Bearbeitung des Konfliktes ist, wird klar, wenn diese Person entfernt wurde. Die nächste Kandidatur ist schon ausgeschrieben.
Das Team beobachtete den Vorgang eine Weile. Dann entschloss sich Silvia, die kommissarische Leiterin, ihn darauf anzusprechen. „Was soll denn sein? Ist doch nichts!“ war die Antwort von Sven. Sie sprach darauf hin Ahmet und Igor an, die ebenfalls leugneten, dass sie etwas gegen Sven hätten. Es wurden nur Argumente gebracht, die das sonderbare Verhalten von ihm begründeten.
Leugnung als wichtiger Bestandteil eines Ausschlusses Ein Phänomen des Ausschlussprozesses ist die Leugnung des Vorgangs. „Hier wird doch niemand ausgeschlossen!“, „Das hat doch alles seine Gründe. Er hat sich so und so verhalten.“ wird die Abwesenheit eines ehemaligen Gruppenmitglieds begründet. Diese zwei Phänomene treffen in der Regel auf beide Konfliktparteien zu. Das „Opfer“ leugnet den Ausschluss ebenso wie die Täter.
Woher kommen die Unsicherheiten?Der Supervisior fragte nach der Herkunft der aktuellen Rollenunsicherheit. Wenn ein Jugendlicher plötzlich auf „cool“ macht, muss etwas geschehen sein, das seine Rolle verunsichert hat. Ebenso ist es ein Hinweis, dass Sven für etwas herhalten muss, was sich im Außenfeld entwickelt hat. Wodurch wird die Rolle dieser Kinder verunsichert? Ist es ein natürlicher Ablösungsprozess oder ist in der Gruppe, dem Umfeld etwas geschehen, was diesen Prozess ausgelöst hat?
Kultur und Umgang mit KrisenDamit eine Gruppe funktionieren kann, braucht sie neben einer Struktur (z.B. einer Mitgliedschaft) immer eine Kultur. Größeren Strukturen, wie Nationen, wird immer wieder eine bestimmte Kultur unterstellt. Viele Staaten versuchen dies dann auch krampfhaft zu erzwingen. Nur, es hat sie nie gegeben: die nationalen Kulturen. Sie sind Konstrukte, die sich bis heute gehalten haben. Ahmet kommt zwar aus einer türkischen Familie, kann aber kaum türkisch. Sven´s Mutter ist aus Chile, sein Vater kam aus Deutschland. Dodu kommt aus dem Tschad und lebt seit seiner Geburt in Deutschland. Ihre Kulturen sind gemischt. Eine Festlegung auf einen bestimmten Kulturstandard würde Niemandem gerecht. Was aber helfen kann, ist das Wissen über unterschiedliche Herangehensweisen an Krisen, d.h. wie über ein Problem gesprochen wird oder welche Präferenzen in einer Konfliktlösung vorherrschen können. Jede Kultur hat ein reichhaltiges Angebot, wie mit Krisen umgegangen werden kann. Manche Kulturen leugnen das Problem und suchen „sichere Lösungen“. Andere Kulturen versuchen aus der täglichen Krise kreative Lösungen zu basteln. In der Kommunikation wollen Menschen aus einem bestimmten kulturellen Raum die Dinge sofort beim Namen nennen (explizit). Andere erwarten von dem Gegenüber, dass er die Sachlage durch die Form der Kommunikation herausfindet (implizit). Kulturen können die Beziehungsseite betonen oder sich lieber mit den Aufgaben beschäftigen. Im Falle eines Sündenbocksystems haben es Kulturen leichter, die explizit, beziehungsorientiert und kreativ an das strukturelle Problem herangehen. Kulturen, die eine sichere „Endlösung“ suchen, fördern den Ausschluss, weil sie sich damit das Ende des Konfliktes erhoffen.
In der Reflexion des Team kam heraus, dass es in dem Team einen Ausschlussprozess gegeben hat. Eine Mitarbeiterin musste vor ca. 5 Wochen im Streit mit Silvia gehen. Silvia ist seit diesem Konflikt, der mehr als ein Jahr gedauert hat, ziemlich unklar. So hat sie in den letzten Wochen, entgegen der Vereinbarung im Team, Ahmet erlaubt den neuen Computer zu nutzen. Ahmet saß seit dem immer vor dem Computer und die anderen vier Kinder waren stets um ihn herum. Kein anderes Kind hatte die Berechtigung an das neue Gerät zu gehen. Es waren keine Regeln geklärt und die Erlaubnis war völlig willkürlich. Yvonne und Frank sahen fassungslos zu, wie Ahmet sich am Computer aufführte. Als sie etwas sagten, erklärte er, dass Silvia es ihm erlaubt hatte. Dies war ein Beispiel unter vielen, bei denen Ahmet vor den anderen Kinder, ohne klaren Regelrahmen, bevorzugt wurde. Sven war eng mit der ehemaligen Leitung befreundet gewesen. Er hatte sich viel mit ihr unterhalten und litt unter den Umständen, unter denen sie gegangen ist. Er wollte ihr sogar einen Abschiedsbrief schreiben und dies wurde von Silvia aufs massivste unterbunden. Sven war von seiner Herkunftskultur her eher implizit veranlagt. Er tat sich schwer, sein Befinden klar auszudrücken. Die Vorgängerin war seiner Kultur sehr nahe und er hatte somit Vertrauen in sie. Ahmet hatte gelernt, dass er, wenn er sein Bedürfnis explizit ausdrückt, bei Silvia bessere Chancen hat. In der Bewältigung der Krise baute er auf die sichere Seite.
Kulturen und der Umgang mit SündenbocksystemenAusschlussprozesse sind universell. Der kulturelle Unterschied ist der Umgang und die Rechtfertigung mit ihnen. In eher kollektiven Kulturen finden wir die Leugnung des Sündenbockverfahrens massiver als in individuell orientierten. Wenn die eigene Kultur zum Thema Krise und Konflikt die Mitteilung hat, dass dies nicht geschehen soll, ist die Leugnung des Vorgangs viel stärker. Es findet somit auch weniger Auseinandersetzung mit dem Thema statt. Ist die kulturelle Erlaubnis vorhanden, Krisen und Konflikt unterschiedlich zu bewältigen, so werden diese Kulturgruppen vielfältiger und kreativer mit Lösungsideen umgehen. In der Regel ist dies bei autoritären Kulturen nicht der Fall, was bedeutet, dass Ausschlussprozesse bis zum bitteren Ende durchgezogen werden. Viele der Migrantenfamilien stammten aus relativ hierarchischen Kulturen.
Silvias Eltern sind Aussiedler aus einem osteuropäischen Land. In dem Konflikt mit ihrer früheren Kollegin gab es nur Sieg oder Niederlage. Sie fühlte sich von ihr existenziell bedroht. Der Konflikt sollte damit zu Ende sein, als sie ihre Kollegin verdrängte. Dies war nicht so. Das System der Kinder spiegelt ihr gerade, dass ihre Rechnung nicht aufgegangen ist. Auch hier wird nun stigmatisiert und ein Opfer gesucht. Ahmet wird zu ihrer wichtigsten Stütze in dem System Jugendtreff. Ahmet hat eine eigene kulturelle Vorstellung zu diesem Konflikt. Durch den Konflikt auf Leitungsebene sucht er Sicherheit in der Bildung einer Kerngruppe im Jugendtreff. Sven hatte eine bessere Beziehung zur ehemaligen Leitung. Er leidet unter dem Weggang. Als Ahmet anfing ihn zu schikanieren, konnte er es nicht glauben. Für ihn brach sein gesamtes System zusammen. Er wurde nun „Gefährte“ des ersten „Sündenbocks.“ Die Mutter war Asylbewerberin in Deutschland. Sie war von der chilenischen Militärdiktatur geflohen. In seiner Welt war er nun ebenfalls der Ausgeschlossene, derjenige, der zu fliehen hat.
Auswege aus einem SündenbockprozessDieses, mit einigen Erklärungen unterfütterte, Beispiel ist ein klassischer Ablauf eines Mobbingvorgangs. Mobbing findet nicht in einem personalen Raum statt. Mobbing ist ein struktureller Vorgang, der mit kulturellen Themen verbunden ist. Bei Migrantenjugendlichen kommt erschwerend hinzu, dass sie in der deutschen Gesellschaft auf breiter gesellschaftlichen Seite zu den potentiellen Mobbingopfern zählen, und somit in der eigenen Welt diesen Prozess widerspiegeln. Die Bereitschaft zu einem Ausschluss ist höher, da sie das Verfahren als eine Form der Konfliktbearbeitung auf der strukturellen Seite immer wieder erleben.
In der Supervision war der erste Schritt die Leugnung zu überwinden. Silvia musste erkennen, dass die scheinbare gute Lösung, der Weggang der Kollegin, keineswegs eine gute Lösung, sondern das Ende eines Mobbingvorgangs war. In diesem Ausschlussprozess hat Silvia die Kinder gegen ihre Vorgängerin eingesetzt. Diese Einsicht ist ein schwerer Prozess. Doch ohne diese Einsicht kann der nächste Schritt nicht erfolgen. Der weitere Schritt ist die Anerkennung der Verletzungen, die durch diesen Vorgang entstanden sind. Silvia bat den Supervisor um eine Einzelsitzung, in der sie über ihre Ängste und Verletzungen sprach. Der Supervisor bat sie darauf zu achten, ob sie wirklich mit diesen Verletzungen alleine zu Recht käme. Es hilft ihr nichts, wenn sie mit ihrer kulturellen Botschaft „Ich schaffe das auch alleine!“ die Leugnung manifestiert. Im Team wurden verbindliche Regelungen für die PC-Nutzung entworfen und mit den Jugendlichen diskutiert. Es wurde ein Jugendtreff-Plenum eingeführt, in der die Jugendlichen ihre Regelungen diskutierten und vereinbarten. Ahmet wurde gefragt, ob er dieses Plenum die ersten Wochen moderieren könnte. Frank setzte sich mit ihm zusammen und erklärte ihm, wie eine Moderation funktioniert. Die beiden reflektierten auch nach jeder Sitzung wie Ahmet das gemacht hat. Es wurde ein Jungenprojekt angeboten. In diesem Jungenprojekt, das von zwei Künstlern aus einem befreundeten Jugendtheater geleitet wurde, ging es um das Thema „Mann sein“. Das Stück „Mann oh Mann“ hatte zwei Hauptdarsteller, Ahmet und Sven, die sich am Ende von den Jugendlichen feiern ließen. Ein Wort zum EndeIch habe hier ein Jungenbeispiel genommen. In den Jahren meiner Beratungstätigkeit gab es genauso viele Fälle von Mobbing bei Mädchen wie bei Jungen. Mädchen haben öfter das Problem mit Dreiecksbeziehungen. Eine wird ausgeschlossen, weil die anderen beiden sich dadurch besser verstehen. Dies ist das alte Drama vom Täter-Opfer-Retter. In diesem Ausschluss des Opfers gibt es immer eine Chance, wieder in eine der beiden anderen Rollen zu schlüpfen und den leidvollen Weg des Lernens fortzusetzen. Die klassische Opferrolle wird erst stabil eingenommen, wenn das Umfeld dies braucht, d.h. wenn eine strukturelle Vorgabe, wie z.B. ein unklarer Rahmen, dafür vorhanden ist. Aus unseren rootswork-Programmen oder meinen Beratungen kann ich sie wirklich nur einladen, auf das Umfeld eines Ausschlusses zu achten. Eine Individualisierung eines Opfers oder Täters wird ihnen nichts bringen – eher das Gegenteil: Es wird den Mobbingvorgang verstärken. Wenn ein Mobbingprozess in dem Stadium des massiven Gesichtsverlusts steckt, wäre meine Empfehlung, sich eine kompetente Person zu leisten, weil dies in der Regel auch mit dem Team zu tun hat. Für Schulklassen würde ich einen zweitägigen Klausurtag empfehlen, der das Klassenklima untersucht und hilft, gemeinsam zu einer Lösung für die Klasse zu kommen.
Bücher: Girard, René: Der Sündenbock, Zürich 1988. Schwager, Raymund: Brauchen wir einen Sündenbock, München 1986. Bittl, Karl-Heinz, u.a.: Transkulturelles Lernen, Nürnberg 2006.
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